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  "Wir brauchen Burgfrieden"

Gesamtmetall
  Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in der Südwestpresse über die Tarifverhandlungen

09.11.2008 Herr Kannegiesser, am Dienstag gehen die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg in die vierte Runde. Legen die Arbeitgeber ein neues Angebot vor?

Wir haben in dieser Woche beraten und mit der IG Metall Sondierungsgespräche geführt, ob es die Chance gibt, zu einem Ergebnis zu kommen. Grundsätzlich erscheint uns das nicht als unmöglich.

Ihr erstes Angebot von 2,1 Prozent für 2009 und einer Einmalzahlung für 2008 ist also die Basis?

Die Struktur unseres Angebots bietet Ansatzpunkte. Sicherlich müssen wir verschiedene Bausteine betrachten: eine prozentuale Erhöhung, Einmalzahlungen, betriebliche Differenzierungsmöglichkeiten, Laufzeit. Nur so lässt sich ein Ergebnis erreichen, das die Situation der Betriebe berücksichtigt und die Wünsche unserer Arbeitnehmer, soweit das möglich ist.

Die österreichische Metallindustrie hat gerade 3,9 Prozent mehr Lohn plus 100 bis 250 EUR Einmalzahlung je nach der Gewinnsituation des Unternehmens vereinbart. Kann das ein Modell für Deutschland sein?

Jedes Land und jede Branche müssen einen eigenen Weg finden. Klar ist: Die genannten Bausteine finden sich immer wieder, wenn auch in unterschiedlicher Zusammensetzung. Im Übrigen liegt das Niveau der Arbeitskosten in Österreich rund 10 Prozent niedriger als bei uns.

Kam Ihr erstes Angebot zu spät und war es zu weit von der Forderung der IG Metall nach 8 Prozent entfernt?

Die Erwartungshaltung und die Forderung der IG Metall liegen in dieser Tarifrunde schlicht neben der wirtschaftlichen Realität. Sie haben sich in einer anderen Phase der Konjunktur herausgebildet, die sich in einem so auch von uns nicht erwarteten Tempo verschlechtert hat. Man würde heute für das kommende Jahr eine solche Forderung nicht mehr aufstellen. Wir haben einen Vorschlag gemacht, der die für 2009 erwartete Inflationsrate ausgleicht und mit einer überproportionalen Bezahlung die beiden Restmonate des Jahres 2008 honoriert. Nur auf diese Weise können wir als Tarifparteien einen Beitrag dazu leisten, möglichst viele Arbeitsplätze über das vor uns liegende Tal zu bringen. Alles andere wäre Selbstbetrug.

Auch 0,8 Prozent Einmalzahlung für November und Dezember 2008 klingt bescheiden.

Es sind 0,8 Prozent des Jahresentgelts. Das entspricht in den beiden Monaten jeweils 5,3 Prozent Erhöhung. Wir wollten ein Zeichen setzen, die noch ordentliche erste Jahreshälfte zu honorieren. Das dritte Quartal war leider schwach, und für das vierte Quartal müssen wir mit einem Einbruch rechnen. Das Jahr wird schlechter, als wir noch im September erwartet hatten.

Die Konjunkturprognosen verschlechtern sich von Tag zu Tag. Spielen die Arbeitgeber auf Zeit?

Wir haben zurzeit ganz andere Sorgen. Wir brauchen Burgfrieden in den Betrieben mit Kalkulationssicherheit und mit Klarheit für unsere Mitarbeiter.

Bei einem Scheitern der neuen Verhandlungsrunde will die IG Metall rasch streiken. Ist diese Drohung eine stumpfe Waffe, weil Streiks manchem Unternehmen ganz recht kämen, dem die Aufträge fehlen?

Ein Streik ist immer darauf angelegt, Unternehmen einen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen und sie gefügiger zu machen. Das ist in Phasen, in denen die Betriebe eine schlechte Auslastung haben oder erwarten, unbestritten weniger erfolgreich. Dennoch ist ein Arbeitskampf für die Betriebe, die Branche und die Volkswirtschaft immer schädlich. Terminpläne werden gesprengt, ohnehin labile Kundenbeziehungen gefährdet. Termintreue ist einer unserer größten Wettbewerbsvorteile. Außerdem kann ein Streik Belegschaften leicht spalten und auf längere Zeit Motivation und Zusammenarbeit in den Betrieben schädigen.

Die Arbeitnehmer haben das Gefühl, zu wenig von der guten Geschäftslage in den letzten Jahren profitiert zu haben. Hätten sie die Arbeitgeber mehr am Gewinn beteiligen sollen?

Für die Metall- und Elektroindustrie trifft das nicht zu. 60 Prozent unserer Firmen haben in den vergangenen Jahren freiwillige Prämien bezahlt. Außerdem waren unsere Tariferhöhungen deutlich über dem Durchschnitt, und sie waren höher als die Preissteigerung. Das Durchschnittseinkommen unserer Arbeitnehmer liegt bei 46 000 EUR. Wir hatten in unserer Branche zwei überdurchschnittliche Jahre. Die waren dringend erforderlich, um das Eigenkapital zu stärken und auch schwierige Zeiten bestehen zu können. Vor Jahren haben wir noch gezittert, ob wir auf den Weltmärkten bestehen können. Dass uns das gelungen ist, ein großer gemeinsamer Erfolg der Unternehmer, der Belegschaften und nicht zuletzt der Tarifpartner. Die sollten das jetzt nicht kleinreden, um vielleicht ein Prozent mehr herauszuquetschen.

In den Tarifverhandlungen melden sich immer wieder Politiker zu Wort. Welchen Einfluss hat das?

Die Politiker sollten die Tarifautonomie ernst nehmen, so wie es die Bundeskanzlerin bisher sehr konsequent tut. Sie hat sich überhaupt nicht zur Tarifpolitik geäußert und gesagt, das sei Sache der Tarifparteien. Erstaunlich wird es, wenn sich der Finanzminister einmischt. Unsere Leute schauen darauf, was netto übrig bleibt, und darauf hat er entscheidenden Einfluss.

Der Tonfall zwischen IG Metall und Arbeitgebern ist derzeit ziemlich rau. Woran liegt das?

Die Besonderheit dieser Tarifrunde ist, dass die IG Metall über die Hälfte ihrer Forderung nicht sachlich begründet. Erst war von Gerechtigkeitsgefühl die Rede, dann wurde die Krise geleugnet. Jetzt heißt es gar, ausgerechnet die Metallarbeitgeber vom Werkzeugmaschinen- bis zum Schraubenhersteller hätten die Finanzkrise mit verschuldet. Gewinne sollten wir möglichst nicht mehr machen, die würden wir doch nur verzocken. Wenn man nur Gefühle bedient und die Forderung die wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr widerspiegelt, müssen Attacken die Argumente ersetzen.

Das Gespräch führte Dieter Keller, Südwestpresse.
Erschienen am 8. November 2008.

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