|
|
 |
|
|
| |
Kannegiesser in Berliner Zeitung: "Wir werden dem Arbeitskampf nicht ausweichen"
Gesamtmetall
|
 |
| |
20.04.2006
Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser über Lohnsteigerungen und den drohenden Arbeitskampf
Herr Kannegiesser, in Bayern sind die Metall-Tarifverhandlungen bereits gescheitert, ähnliches droht in anderen Tarif-Bezirken. Ist der Streik unvermeidlich?
Wir wollen eine Einigung, aber nicht um jeden Preis. Streiks fügen im Endeffekt allen Beteiligten mehr Schaden zu im Vergleich zum vermeintlichen Gewinn. Streiks müssen das letzte Mittel bleiben. Aber sie sind völlig überzogen, wenn es beispielsweise um einen halben Prozentpunkt mehr oder weniger Lohn geht. Wir haben schon vor Jahren vorgeschlagen, den Arbeitskampf durch ein System von Schlichtungen zu ersetzen, wobei der Arbeitskampf als Mittel erhalten bleiben soll. Dazu stehen wir heute noch. Wir wollen zu einem vernünftigen Verhandlungsergebnis kommen. Aber es ist auch klar: Wir werden einem Arbeitskampf nicht ausweichen, wenn er denn unvermeidbar ist.
Warum haben die Arbeitgeber selbst jetzt, nach Wochen der Verhandlungen, kein neues Angebot vorgelegt? Seit Dezember letzten Jahres halten sie sich an dem Angebot von 1,2 Prozent Lohnerhöhung fest.
Wir haben sehr früh in der Tarifrunde deutlich gemacht, dass wir eine Antwort finden müssen auf die fortschreitende Internationalisierung und haben dazu ein Konzept vorgelegt. Bei der Lohnerhöhung wollen wir zwei Komponenten: Eine lineare Erhöhung der Vergütung orientiert am Produktivitätszuwachs, und dazu eine Lohnerhöhung nach den konjunkturellen Möglichkeiten. Diese würde bei jedem Lohnabschluss erneut verhandelt. Das muss für den Arbeitnehmer überhaupt keinen Nachteil bedeuten.
Die IG Metall will eine Drei vor dem Komma. Ist dies aus Ihrer Sicht ausgeschlossen?
Dafür gibt es keine Zustimmung in den Unternehmen. Ich warne die IG Metall davor, den Bogen zu überspannen: Wenn es uns nicht gelingen sollte, ein System aus fixer und variabler, betrieblich bedingter Lohnerhöhung in einem angemessenen Rahmen zu schaffen, bekommt unser System der Lohnfindung weitere Risse.
Das bedeutet?
Wenn sich ein Unternehmen in der Lohnfrage überfordert sieht, wird es Möglichkeiten finden, sich dem zu entziehen. Dafür gibt es mehrere Optionen.
Die Metall- und Elektroindustrie hat im Gegensatz zu anderen Branchen die Beschäftigung gehalten oder ausbauen können. Ist der Trend intakt?
Unsere Branche ist nach wie vor die Lokomotive der deutschen Wirtschaft. Wenn die jetzt auch noch anfängt zu stottern, dann bleibt nicht mehr viel übrig. Wir haben leider in den letzten zwölf Monaten 35 000 Stellen verloren, insgesamt sind wir unter 3,4 Millionen Beschäftigte gerutscht. Das Risiko, dass dies so weiter geht, ist vorhanden. Dagegen muss man etwas tun, aber nicht mit Streiks und überzogenen Tarifabschlüssen. Ich wiederhole: Die Preise unserer Produkte dürfen keinesfalls steigen. Sonst können wir international nicht mithalten.
Die IG Metall verweist darauf, dass die Gewinne der Unternehmen meist kräftig gestiegen sind und damit Raum für Lohnsteigerungen vorhanden ist. Ist diese Argumentation falsch?
In der konjunkturellen Entwicklung gibt es für mehrere Sparten endlich Aufwind, nur deshalb können wir uns überhaupt um Lohnerhöhungen streiten. Von den Gewinnen der Unternehmen zu sprechen, die im Übrigen schon stark internationalisiert sind,ist eine gefährliche Halbwahrheit. Es gibt in der Tat Unternehmen, die vor allem international stark sind und dort gute Gewinne machen. Es gibt aber auch viele Firmen, die gerade so über die Runden kommen. Wir müssen Bedingungen finden, die allen gerecht werden, schließlich verhandeln wir einen Flächentarifvertrag. Weil sich unser Geschäft zudem internationalisiert hat, steigen auch die Risiken immens. Dafür muss man die nötige finanzielle Basis haben. Und dafür müssen die Unternehmen einigermaßen erträgliche Gewinne machen.
Wäre es angesichts der zunehmend verfahrenen Situation nicht Zeit für ein Spitzentreffen, um den Konflikt zu entschärfen?
Auf ausdrücklichen Wunsch der IG Metall führen wir regionale Verhandlungen und wollen deshalb auch regional und auf unserer Seite zentral abgestimmt zu einem Ergebnis kommen. Selbstverständlich werden wir alle Möglichkeiten nutzen, um ohne Eskalation einen Abschluss zu erzielen.
Das Gespräch führte Matthias Loke, Berliner Zeitung. Erschienen am 20. April 2006. zurück
|
|
| |
|
|
|
|