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Arbeit in Deutschland halten
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Gesamtmetall-Päsident Kannegiesser zur Tarifrunde 2006
16.12.2005
Am 15. Dezember 2005 äußerte sich Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in Berlin auf einer Pressekonferenz zur bevorstehenden Tarifrunde:
Meine Damen und Herren,
die Tarifrunde 2006 in der Metall- und Elektro-Industrie steht für uns unter der Zielsetzung:
Arbeit in Deutschland halten
Wir stehen also vor der Frage: Was können wir als Gestalter der kollektiven Arbeitsbedingungen im Flächentarif tun, damit unsere Unternehmen ihre Aktivitäten in Deutschland nicht verringern, sondern halten oder sogar ausbauen. Zu glauben, man könne die Antwort allein in einer reinen Zahlendiskussion finden, halte ich für abwegig. Ich bin sogar der Auffassung, dass eine solche Debatte am Kern der Probleme und deren Lösungen weit vorbei führt. Deshalb werde ich auf die Forderungsempfehlung der IG Metall nicht mehr eingehen. Dazu haben wir alles Nötige am Montag in unserer Presseerklärung erwidert. Heute möchte ich Sie einladen, mit mir einen Blick hinter die tarifpolitische Zahlen-Kulisse zu werfen. Dabei möchte ich Ihnen die entscheidenden Faktoren vorstellen, die wir bei der Gestaltung unserer Arbeitsbeziehungen im Flächentarif und in der Verteilungsdiskussion stets gleichzeitig im Auge behalten müssen. Das sind:
1. Die strukturell und damit langfristig wirkenden Faktoren 2. Die konjunkturell und kurzfristig wirkenden Faktoren
Beide werden – davon bin ich überzeugt – die Lösung der Tarifrunde 2006 entscheidend beeinflussen.
1. Strukturelle Faktoren
Deutschland steht als Markt für unsere Branche – die Metall- und Elektro-Industrie – nur noch für etwa 40 Prozent unseres Absatzvolumens, mit abnehmender Tendenz. Für viele Unternehmen und etliche Teilbranchen repräsentiert das deutsche Geschäft gerade noch um die 20 Prozent. Europa ist inzwischen für die meisten Unternehmen „Inlandsmarkt“, und in diesen Kategorien müssen wir denken und unsere Maßstäbe setzen. Wir haben unsere Stärken im Export – und brauchen das auch aufgrund unserer Strukturen. Aber der Begriff „Exportweltmeister“ sagt der einzelnen Firma nichts mehr, weil wir uns als Unternehmer für die Anteile unserer Produkte an den Weltmärkten zu interessieren haben. Wir müssen unseren Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten in allen Regionen – in Europa und auf den Weltmärkten – gleichermaßen verbunden sein.
Diese inzwischen breite Internationalisierung auch mittlerer Firmen in einer globalisierten Welt ist gleichzeitig Stärke, aber auch Herausforderung. Denn wir müssen uns mit Wettbewerbern in vielen Teilen der Welt messen – und laufend kommen neue hinzu.Im Ausland werden erfolgreiche Technik-Cluster aufgebaut: Software und Chipdesign in Indien, Ingenieurleistungen und Computergrafik in China, Luftfahrt, Energie und Laser in Russland, Displays, Memorychips, Mobilfunk in Südkorea.Die Aufgabe weiterer Internationalisierung ist speziell für die Metall- und Elektro-Industrie eine Frage des Überlebens. Diese Industrie besitzt oder ist beteiligt an mehr als 4.000 Unternehmen außerhalb Deutschlands –darunter sind 34 Prozent aus dem Maschinenbau, 29 Prozent aus der Elektroindustrie und 25 Prozent aus dem Fahrzeugbau. Mit über 1,2 Millionen Mitarbeitern erwirtschaften diese Firmen ein Umsatzvolumen von rund 475 Mrd. Euro.
In vielen Regionen ranken sich Wettbewerber an uns und unseren Maßstäben hoch und umgekehrt. Im Bereich High-Tech verlieren wir mehr und mehr an Boden, obwohl dieser Sektor zunehmend das Treibmittel für unsere Produkte ist. (Ein Beispiel: 70 Prozent aller Fahrzeugdefekte sind auf Software-Fehler zurückzuführen.) Die High-Tech-Cluster um Taipeh sind 5-6mal größer als das größte High-Tech-Cluster in Europa. Zunehmend verschmelzen die Technologien und die Fähigkeiten. Qualität und Produktivität lassen sich inzwischen in vielen Ländern gleichwertig erreichen. Wer heute eine neue Produktionsanlage plant, kann sogar in den aufstrebenden Schwellenländern mit der gleichen Produktivität wie am Heimatstandort kalkulieren. Zunehmend wird es also eine Existenzfrage, wer dies jeweils zu den günstigsten Kosten machen kann.
Welche Spuren diese Internationalisierung hinterlässt, zeigt sich sehr gut am Beispiel der Automobilindustrie: Von 1994 bis 2004 ist die Zahl der in Deutschland zugelassenen Pkw aus deutscher Fertigung um etwa 300.000 gesunken. Bei den deutschen Pkw-Marken ist von 1994 bis 2004 die Fertigung im Ausland dreimal so stark gewachsen wie im Inland und erreicht jetzt einen Marktanteil von 45 Prozent. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 15 Jahren hat die deutsche Automobilindustrie über 1.000 neue Standorte außerhalb Deutschlands errichtet. Sie importiert heute Vorleistungen im Wert von 28 Mrd. Euro, das ist ein Plus von 128 Prozent in zehn Jahren. Bei Motoren und Motorteilen ist der Importanteil von 35 Prozent auf 56 Prozent gestiegen. Besonders nachhaltig wachsen die Einfuhren aus den neuen EU-Ländern: Von nicht einmal 400 Mio. Euro im Jahr 1994 auf heute 8,2 Mrd. Euro. Und dieser Trend geht weiter.
Aber wir sehen auch am Beispiel dieser Branche wie es geht: Qualitatives Wachstum bringt die Produktion von Premium-Fahrzeugen, sie schafft Umsatz und Beschäftigung auch in der Zulieferindustrie. Im letzten Jahrzehnt ist die Produktion solcher Fahrzeuge von 1,5 auf 2,6 Mio. Einheiten gewachsen, der Anteil am gesamten Produktionsvolumen in Deutschland von 37 Prozent auf rund die Hälfte.
Die Frage nach den nachhaltig günstigsten Produktkalkulationen wird für die meisten Unternehmen immer wichtiger. Wie gering selbst in Deutschland und erst recht auf den Weltmärkten die Möglichkeiten zur Preisanhebung sind, sehen wir an der Entwicklung unserer eigenen Preise. Die Erzeugerpreise in der M+E-Industrie sind trotz steigender Kosten für Rohstoffe und Energie in den letzten zehn Jahren im Schnitt um weniger als 1 Prozent gestiegen, also nahezu konstant geblieben.
Schrumpfung und Abwanderung der Industrie und ihrer Arbeitsplätze scheint manchen ein unausweichlicher Prozess im Strukturwandel zu sein, für uns ist er gefährlich. In bestimmten M+E-Sparten bricht die Wertschöpfung förmlich weg: Von insgesamt 80 Sparten der M+E-Industrie sind 31 als erosions-gefährdet zu identifizieren, weil sie in den vergangenen 5 Jahren entweder mindestens 10 Prozent der Produktion oder 15 Prozent der Arbeitsplätze eingebüßt haben. In diesen 31 gefährdeten Sparten gibt es heute 150.000 weniger Arbeitsplätze als vor 5 Jahren. In 6 problematischen Sparten (Stahlbau, Telekommunikationstechnik, Sonstige Metallwaren, Bahnindustrie, Weiße Ware und Braune Ware) sind in dieser Zeit 75.000 Arbeitsplätze verloren gegangen – also 20 Prozent in 5 Jahren. Wir müssen aufpassen, dass unsere elastische Struktur aus kleinen, mittleren und großen Betrieben – eine spezifische Stärke unseres Standortes – nicht zu sehr ausgedünnt wird. Sonst droht uns ein Laufmaschen-Effekt, der ganze Cluster zerstört.
Wir müssen von unseren gewachsenen Strukturen ausgehen. In den globalen Wachstumsbereichen wie Medien, Finanzdienstleistungen, Telekommunikation, Bergbau und IT werden wir stets strukturell schwächer bleiben, und deshalb müssen wir auf unseren Stärken aufbauen und um diese herum neue Dienstleistungen und Technologiekombinationen aufbauen.
2. Konjunkturell und kurzfristig wirkende Faktoren
Das Wachstum der Weltmärkte, das vor allem von China, Amerika und in gewissem Maße auch von noch relativ neuen Märkten wie Russland und Indien getragen wird, hat sich auf die Firmen unserer Branche dank deren Internationalisierung positiv ausgewirkt. Insgesamt wächst die deutsche M+E-Produktion in diesem Jahr um etwa 4 Prozent, wenn auch mit deutlichen Unterschieden innerhalb der einzelnen Branchen und Firmen. Mit dem Volumen haben sich auch die Gewinne verbessert. Wir erwarten für 2005 eine Netto-Umsatzrendite von durchschnittlich 2,7 Prozent. Das ist zwar im internationalen Vergleich eher bescheiden, aber immer noch besser als in manchen Jahren der jüngeren Vergangenheit. Allerdings hat sich auch die Streubreite der Ertragssituation weiter vergrößert: 24% unserer Firmen stecken in der Verlustzone, während 9% sogar eine Umsatzrendite von 5% und mehr haben. Es sind aber nicht immer dieselben Firmen oben oder unten – die Gratwanderung wird immer enger und riskanter, man kann sehr kurzfristig abrutschen oder aufsteigen. „Heute noch auf hohen Rossen, morgen durch die Brust geschossen“, diese Kennzeichnung gilt heute für große wie für kleine Firmen. Die Großen sind etwas besser abgefedert, weil sie sich früher als der Mittelstand internationalisiert haben. Aber auch unser Mittelstand ist inzwischen auf die Autobahn zu weiterer Internationalisierung eingeschwenkt, hat damit begonnen, seine deutschen Standorte in den Gesamtzusammenhang der internationalen Präsenz einzuordnen.
3. Schlussfolgerung für die Tarifrunde
Wir müssen dem strukturellen Wandlungsprozess Rechnung tragen, weil wir sonst weiter Produkte, Wertschöpfung und Arbeit an andere Regionen der Welt verlieren. Deutschland kann solche Verluste auch nicht annähernd kompensieren. Neue Arbeitsplätze etwa im Bereich der Dienstleistungen sind bei uns nicht zu sehen. Deshalb müssen wir um jeden Arbeitsplatz kämpfen und dürfen uns nicht mit dem Strukturwandel und seinen Folgen abfinden.
Etliche Bereiche brauchen eine Absenkung der Arbeitskosten, die mit 27,15 Euro weiterhin in Deutschland die höchsten der Welt sind (Dänemark ausgenommen). An dieser Position ändert auch der Rückgang der Lohnstückosten in den letzten Jahren nichts. Die komplette Schließung von Werken wird zwar kurzfristig eher die Ausnahme bleiben, der Auszehrungsprozess und das Abwandern von Wachstumspotentialen darf nicht verschärft werden, indem wir weiter Kosten aufsatteln.
Der Streubreite in der Leistungsfähigkeit der Betriebe müssen wir in der Tarifpolitik durch mehr betriebliche Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Flächentarifvertrages – und an diesen angedockt – Rechnung tragen.
Die Gewinne in konjunkturell guten Phasen müssen zunächst daraufhin analysiert werden, ob sie im Wesentlichen außerhalb Deutschlands oder durch die Leistung hier bei uns entstanden sind. Quersubventionen von Standorten sind wie ein kurzfristig wirkendes Schmerzmittel, sie helfen den Standorten nicht dauerhaft. Für die Tarifpolitik heißt das: Solche betrieblichen Phasen dürfen auch nicht zu einer dauerhaften Anhebung der Kostenstrukturen verwendet werden, weil das sonst die Kalkulationsbasis und die Existenzfähigkeit von Produkten und damit Arbeitsplätzen gefährden würde. Sie sind als jeweilige Einmaleffekte zu berücksichtigen.
Dieses schwierige Umfeld zwingt uns als Verband zum Handeln, weil wir für alle unsere Mitgliedsfirmen und damit auch für den Standort Deutschland Verantwortung tragen. Deshalb stellen wir die nächste Tarifrunde unter das Ziel „Arbeit in Deutschland halten“
Dieses Ziel müssen wir gemeinsam angehen. Deshalb werden wir versuchen, einen Strauß von Themen mit der IG Metall zu bearbeiten. Ich will die vier wichtigsten Aktionsfelder kurz benennen, als Bausteine für ein späteres tarifpolitisches Konzept: - Wie sorgen wir für eine kostenneutrale Lohnentwicklung? - Welche neuen betrieblichen Gestaltungsoptionen können wir den Unternehmen eröffnen? - Wie lässt sich der Aufbau von Arbeitsplätzen tarifpolitisch anreizen und fördern? - Was können wir gemeinsam tun, um Beschäftigungschancen in den Randbreichen unserer Industrie zu fördern?
Meine Damen und Herren,
aus unserer Sicht sind das die entscheidenden Themen, über die wir in den Verhandlungen ab Mitte Februar mit der IG Metall reden werden. Wir müssen in dieser Tarifrunde langfristig die Weichen für die Sicherung der Arbeitsplätze in Deutschland stellen. Gleichzeitig sollten wir auch die Chance einer positiven Konjunkturerwartung nutzen, um den Abbau von Arbeitsplätzen zu stoppen und neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Wenn die Tarifpolitik aber nur auf eine Diskussion über die Stelle hinter dem Komma verkürzt wird, wird sie mit den großen Herausforderungen nicht fertig werden, vor denen unsere Unternehmen stehen. Deshalb wollen wir die IG Metall davon überzeugen, dass unsere gemeinsame Aufgabe lautet: „Arbeit in Deutschland halten!“zurück
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