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Tarifpolitisches Lexikon
 
  Kannegiesser im Deutschlandradio zur Tarifrunde 2006

Gesamtmetall
  15.12.2005 Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat die Forderungen der Gewerkschaft für die bevorstehende Tarifrunde als nicht vorstellbar zurückgewiesen. Die von der IG Metall verlangte Lohnerhöhung von fünf Prozent werde Arbeitsplätze kosten, sagte Verbandschef Martin Kannegiesser. Bereits jetzt seien die Arbeitskosten in Deutschland im internationalen Vergleich Spitze, während die hiesige Produktivität auch in anderen Ländern erreicht werde.

Warum sind die Arbeitgeber so geizig, Herr Kannegiesser, die Gewinne der Unternehmen haben sich doch zuletzt positiv entwickelt?

Wir bedauern, dass in einer Zeit, in der sich fast alle Unternehmen unserer Branche neu aufstellen, wo es enorme Unterschiede gibt - nicht nur in der Ertragssituation, die ist immer konjunkturell schwankend - wieder das alte Ritual angefangen wird, mit einer Forderungshöhe zu kommen, die für uns überhaupt nicht vorstellbar ist. Wir hätten es uns gewünscht, wenn in einer solchen Phase der Entwicklung man sich darüber unterhalten würde, wie wir den Prozess, weiter Arbeit zu verlieren, Wachstumspotential zu verlieren, aufhalten kann, wie man unter Umständen sogar tarifpolitisch Anreize geben kann, Beschäftigung aufzubauen, wie wir beispielsweise in Randbereichen unserer Industrie, wo zu einem großen Teil Arbeit verlagert wird, wie man dafür neue Möglichkeiten schaffen kann - über alle solchen Zusammenhänge hätten wir gerne gesprochen, bevor jetzt wieder eine völlig überhöhte Forderung kommt und man jetzt wieder tatsächlich womöglich in alte Rituale verfallen muss.

Lohnforderungen von fünf Prozent und mehr - was würde das denn konkret für das Beschäftigungsniveau bedeuten?

Es würde in jedem Fall bedeuten, dass wir Beschäftigung verlieren, denn wir sind heute in den Arbeitskosten an der Spitze aller Industrieländer, egal ob in Westeuropa, von Osteuropa ganz zu schweigen. Wir liegen an der Spitze und unsere Produktivität ist inzwischen in anderen Ländern auch erreichbar. Das ist doch zurzeit der Spagat, den die Unternehmen bewältigen müssen. Das ist keine Bedrohung, sondern das ist tägliche Realität, dass Unternehmen prüfen müssen, wie sie mit ihren Kalkulationen zurechtkommen. Ein Automobilzulieferer muss sich heute in seinen Preisen zwei, drei Jahre im Voraus festlegen und damit in seinen Kalkulationen - und steht unter erheblichem Preisdruck. In einer solchen Phase wie einst im Mai mit den überhöhten Forderungen zu kommen und zu sagen, irgendwo einigen wir uns dann schon, das ist nach unserer Meinung verfehlt. Wie gesagt, wir müssen über einen ganzen Strauß von Maßnahmen reden, wenn wir ernsthaft daran interessiert sind, Arbeit hier zu halten, wozu beispielsweise auch gehört, wie wir Elemente der Betriebsnähe weiter entwickeln werden.

Hat sich denn umgekehrt die Bescheidenheit der Beschäftigten in den letzten Jahren ausgezahlt in mehr Arbeitsplätze? Das sehe ich doch auch nicht.

In unserer Industrie kann man von Bescheidenheit auch nicht reden. Wir haben jedes Jahr deutlich erhöht, es hat in der Metall- / Elektroindustrie auch keine Reallohnverluste gegeben, sie sind gestiegen, da kann man also in unserer Branche nicht von Bescheidenheit reden. Außerdem ist das nun mal so: Wir in unserer Eigenschaft als hier in Deutschland Beschäftigte und Arbeitende müssen uns genauso denselben Regeln unterziehen, denen wir uns auch als Unternehmen unterziehen müssen. Wir können uns nicht am Wünschenswerten und nur daran orientieren, wie das hier in Deutschland in den letzten Jahren gelaufen ist. Wir müssen uns stärker als das früher je der Fall war, auch daran orientieren, was international üblich ist. Wir haben inzwischen den europäischen Binnenmarkt, heute kann sich auch nicht mehr Preußen an Bayern interessieren, das war vielleicht vor 150 Jahren so. Wir sind heute Teil des europäischen Binnenmarktes und müssen irgendwo auch dessen Möglichkeiten und Spielregeln zumindest miteinbeziehen und können nicht so tun - Nabelschau - wie das bei uns war und was ist wünschenswert. Dass es für uns wünschenswert wäre, den Standard anzuheben und unseren Beschäftigten mehr Potential zu geben, mehr Kaukraft zu geben, das ist doch klar, aber wir müssen sehen, was ist möglich und was ist nicht möglich.

Was halten Sie denn von dem Argument, dass beide Tarifparteien jetzt etwas tun müssen, um die Binnennachfrage zu unterstützen?

Sicherlich ist das sehr schön, wenn man das auf diese Weise könnte: Am liebsten in den Keller gehen, Geld rausholen und verteilen, dann geht es uns allen wieder besser. Nur wir können nur das verteilen, was tatsächlich auch erwirtschaftet ist. Denn der Lohn ist nicht nur Kaufkraft, er ist auch gleichzeitig für die Unternehmen Kosten und inzwischen haben die Kosten eine wesentlich härtere Wirkung als die Kaufkraftnachfrage. Von einem Euro Lohnerhöhung bleiben dem Arbeitnehmer rund 50 Cent übrig, wenn er alle Abgaben und Steuern abgezogen hat, den Betrieb kostet das Ganze aber 1,20 Euro. Als Kaufkraft kommt die Hälfte von den 50 Cent nur an. Das heißt also, die Wirkung, die auf die Kaufkraft geht, liegt so weit auseinander mit der Kostenwirkung und diese Differenz verschwindet dann wieder in Abbau von Arbeitsplätzen. Das haben wir doch in etlichen Branchen schon erlebt, dieses Spiel jetzt über Jahre.

Nun sind Sie ja nicht erst seit gestern im Geschäft, Sie kennen die Rituale, Sie haben das vorhin bereits angedeutet, die bei Tarifverhandlungen ablaufen, Sie kennen auch die handelnden Personen auf der Gegenseite. Prophezeien Sie harte Auseinandersetzungen?

Das kann man nicht ausschließen, also zumindest gehen wir doch offenbar mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen in diese Tarifrunde und das ist in dieser Phase - ich kann nur nochmals sagen - bedauerlich, in einer Phase, in der die Unternehmen jetzt gerade wieder anfangen, sich neu zu orientieren, neu aufzustellen, indem wir leichten Aufwind auch wieder verspüren in einigen Bereichen. Da ist das bedauerlich, wenn wir diese vor uns stehende Tarifrunde nicht vernünftig lösen können.

Das Gespräch führte Jörg Degenhardt, Deutschlandradio.
Gesendet am 13.12.2005

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